Anselm Bilgri appelliert an Unternehmen: Mehr Muße wagen!

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Ein Lieblingsbegriff in Unternehmen heute ist „Prozesse“. Doch wenn Manager daran gehen, Prozesse zu optimieren, denken sie sich ihre Firma als eine Maschine, die geölt werden muss, deren Zahnräder auszutauschen sind und deren Betriebsspannung zu erhöhen ist, um den Output zu verbessern. Zum Problem wird diese Sichtweise, wenn Unternehmen immer mehr vom Engagement, vom Wissen und von der Kreativität ihrer Mitarbeiter abhängen. Von Menschen also, die ihren Job begeistert oder frustriert machen können. Die morgens mit Freude und Ideen ins Büro gehen – oder gleichgültig und innerlich gekündigt. Die Energie ins Unternehmen bringen – oder deren Job ihnen Energie und Gesundheit raubt.

Wenn Menschen ihre Arbeit als ein ständiges Beschleunigen und Verdichten erfahren, oft genug ohne Sinn und Verstand, fördert andauernde Prozessoptimierung genau das Gegenteil des ursprünglich Angestrebten. Denn wir sind keine Zahnräder, keine Prozessoren und keine Software. Wir benötigen einen für uns passenden Rahmen, der nicht nur aus Leistung bestehen darf. Dass zur An- immer auch Entspannung gehören muss, darauf hat schon der Heilige Benedikt in seiner Mönchsregel großen Wert gelegt und den Tagesablauf eingeteilt in ora und labora. Heute spricht man zwar viel von Work-Life-Balance, aber bei vielen Freizeitaktivitäten habe ich meine Zweifel, ob es sich dabei nicht doch eher um eine weitere Form von labora handelt: wer wagt denn zuzugeben: dass er faulenzt, rumhängt und einfach nichts tut?

Der heute etwas antiquiert klingende Begriff der Muße meint die Freiheit von äußeren Anforderungen für eine gewisse Zeit und damit Freiraum für Kreativität, für Spiritualität, für neue Impulse. Solche Momente der Muße wieder neu zu entdecken und einzuüben, ist in einer beruflich wie privat so extrem beschleunigten Zeit unabdingbar für ein gesundes und sinnvolles Leben. Für viele unserer Kunden ist das alles andere als Müßiggang sondern oft genug harte Übung. Versuchen Sie doch mal, nur zehn Minuten still und mit geschlossenen Augen zu sitzen und an nichts zu denken! Tragen Sie sich in Outlook für eine halbe Stunde statt eines Meetings ein: „Nichts.“ Und tun Sie das dann auch. Seien Sie mutig und wagen Sie Muße! Sie werden sehen, wie gut sie Ihnen tut!

Meine Erfahrung als Prior und Geschäftsführer der Klosterbetriebe von Andechs sagt mir, dass solche innerlich ruhenden, ausbalancierten Menschen auch im Job kreativer und leistungsstärker sind. Hier sind sie als Vorbilder gefragt, die in das Unternehmen hinein wirken können und die Balance von An- und Entspannung auch im Job überzeugend praktizieren. Übersetzt in eine dieser beliebten Formeln heißt das: Management-by-Loslassen“: abschalten, sich zurücknehmen, Dinge auch mal gut sein lassen. Genau hier könnte eine kluge Führungskultur ansetzen und neben allen Anforderungen auch Freiräume zulassen oder sogar bewusst schaffen.