Staade Zeit

Bei Pfarrern spricht man im Zusammenhang mit der erwarteten Präsenz bei Advents- und Weihnachtsfeiern von der Bethlehem-Rallye. Man hetzt von einer Lesung besinnlicher Texte zur nächsten Ansprache über die stille, erwartungsvolle und friedliche Zeit, die man früher Advent nannte und heute die religiös neutral als Jahresendzeit bezeichnet. Aber: das Jammern über die Zunahme des vorweihnachtlichen Stresses ist so intensiv wie das willige Mitmachen des ganzen Christkindl-Zirkus. Da geht es Pfarrern genauso wie allen Menschen in Verantwortung für andere. Es gibt wenig Betriebe, bei denen nicht die Erwartung nach einer Weihnachtsfeier vorhanden ist, denen dann der Chef halb gern halb weniger gern nachkommt. Es gibt ja auch richtige Christmas-Freaks, für die es gar nicht genug Glühwein, Plätzchen und Lebkuchen geben kann und die sich nichts Schöneres denken können, als auch noch als erwachsene Mitarbeiter vom betrieblichen Nikolaus beschenkt zu werden.

Advent, das sind die knapp vier Wochen vor dem Weihnachtsfest, die vor allem dem Warten dienen. Ganz christlich wird der ersten „Ankunft des Erlösers im Fleisch“, vor jetzt annähernd 2013 Jahren und der zweiten bei der Wiederkunft am Ende der Zeiten gedacht. Was könnte das für unsere säkularisierte, postchristlich gewordene Gesellschaft bedeuten? Die Menschwerdung Gottes, dieser uralte Mythos der Menschheit, weist hin auf die Tatsache, dass Religion und kulturelle Tradition immer wieder mahnt, den Menschen nicht aus dem Blickpunkt zu verlieren im hektischen Betrieb des Alltags. „Propter nos homines – wegen uns Menschen“, so die Weihnachtsbotschaft. Der kürzlich verstorbene Kabarettist Dieter Hildebrand hat dies unübertroffen mit dem Bonmot zum Ausdruck gebracht: „Der Mensch als Mittelpunkt. Der Mensch als Mittel. Punkt.“

Wer kann heute noch warten? Auf den Bahnhöfen wurden die Wartehallen abgeschafft, es gibt nur noch die Business-Lounges für eilige Erster Klasse Fahrgäste. Ärzte und Friseure kann man nur noch mit vorheriger Terminvereinbarung aufsuchen. Auch auf den häuslichen Besuch von Freunden braucht man nicht zu warten, denn deren Kommen ist mit festen Zeiten vereinbart worden. Zeiten des Wartens als Zeiten hoffnungsvoller Erwartung auf eine spannende Zukunft werden vermieden. Wartezeiten als Zeiten des Innehaltens, Atemholens wiederzuentdecken gegen das Diktum Benjamin Franklins: Time is Money, das wäre eine kleine Botschaft des Advents in die gestresste Welt beschleunigter Taktung.

Ganz konkret für Unternehmer, Manager, Vorstände (von Vereinen und Firmen): Entschleunigen Sie ein bisschen, indem Sie ihre Weihnachtsfeier aus dem Advent herausnehmen. In meiner Zeit als Cellerar in Andechs haben wir unsere jährliche Feier z.B. am 2. Februar gehalten, dem alten Abschluss der 40tägigen Weihnachtszeit. Mariä Lichtmeß, ein alter Bauernfeiertag. Dort wurden die „Dienstboten“ ein- und ausgestellt oder ihre Weiterbeschäftigung vereinbart. Ein gutes Datum, um die Mitarbeiter auch gehörig zu loben und ihnen zu danken für die Treue zum Unternehmen. Und das wäre doch der tiefste Sinn einer solchen Feier: Altes abschließen und zuversichtlich, mutig und realistisch auf das Neue zu warten. Dabei nicht vergessen, dass es Menschen mit eigener Geschichte und Verantwortung für die ihren sind, mit denen wir die Reise durch die hoffentlich entschleunigte Zeit unternehmen.