Rettet unsere Städte vor der Maximalverwertung

30.01.2018 – München – Die Münchner Kultwirtschaft Andechser am Dom muss im Sommer schließen, da der Eigentümer der Immobilie andere Pläne für das Gebäude in attraktiver Lage in der Münchner Innenstadt hat. Für Anselm Bilgri ist das ein weiterer Schritt hin zur ökonomischen Maximalverwertung der Stadt. Ein Interview über seine Heimatstadt und die erste Wirtschaft, die er als Prior von Kloster Andechs eröffnete.

Herr Bilgri, wie finden Sie das Ende des Andechsers am Dom?

Ich finde es sehr schade, das das Lokal schließen muss. Meine Motivation in den 90ern war: Der Andechser am Dom sollte das Flaggschiff der Klosterbrauerei in der Münchner Innenstadt sein mit dem Bier und einem hervorragenden Wirt, den wir damals in Sepp Krätz gefunden hatten. Übrigens ist der Standort nicht allzu weit entfernt vom Stadthaus der ehemaligen selbständigen Abtei Andechs, das bis zur Säkularisation 1803 in der Gruftstraße auf dem Gelände des heutigen Marienhofs stand. Außerdem ist eine Gaststätte immer noch der interessanteste Vertriebsweg für Bier, da der Fassausschank ökonomisch wesentlich sinnvoller ist als das Flaschenbier und Wirthausgäste die treueren Biertrinker sind als die Kunden im Einzelhandel.

Was steckt aus Ihrer Sicht hinter der Entscheidung?

Das ist das Interesse des Hausbesitzers an einer lukrativeren Nutzung der Immobilie im Stadtzentrum. Es scheint das Konzept der Finck‘schen Vermögensverwaltung zu sein, dass Ladenstraßen attraktiver sind als Gastronomie. Ich halte das für eine Fehlentwicklung, die nur dazu führt, dass die immer gleichen Läden finanzstarker Ketten oder Marken die Vielfalt des kleinen Handels oder Betriebe verdrängen. Langfristig mindert das dann den Wert, weil die Umgebung uninteressant wird. München ist ja gerade durch Unikate wie den Andechser am Dom und seinen Wirt Sepp Krätz geprägt. Mit dem Andechser am Dom stirbt ein weiteres Stück München? Es ist eine Gaststätte, in der man sowohl Münchner Publikum als auch Touristen begegnen konnte. In den letzten 24 Jahren hatte sich der Andechser als ein Teil der lebendigen City etabliert. Für viele sicher ein Stück Heimat.

Hätte es auch Alternativen gegeben?

Ich sehe nur eine: Man muss einen ähnlich interessanten Standort finden. Ich hoffe sehr dass die Klosterbrauerei Sepp Krätz dabei hilft. Vielleicht kann ja bei der beabsichtigten Anmietung durch den FC Bayern wieder ein Andechser integriert werden.

Wie bewerten Sie den Trend zur maximalen ökonomischen Verwertung der Innenstädte?

Das halte ich für sehr bedenklich. Damit Städte lebenswert sind, braucht es auch Platz, der keinem ökonomischen Nutzen unterliegt: Parks, Spielplätze, Museen, Kirchen. Und auch dort, wo kommerzielle Nutzung vorgesehen ist, braucht es Vielfalt, Kleinteiligkeit, Authentizität. Zu der gehört in meiner Heimatstadt München auch eine gewisse barocke Ausprägung.

Was könnte man dagegen tun?

Erstens müssten die Investoren an die soziale Verpflichtung des Eigentums erinnert werden. Maximum ist meist nicht das Optimum. Dann ist auch die Politik gefragt. Die Landeshauptstadt München müsste Fantasie entwickeln, wie man Anreize schaffen könnte, die Vielfalt zu erhalten.

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