Neuentdeckung eines Allerweltsbegriffs

Nachhaltigkeit ist ein inzwischen inflationär gebrauchter Begriff geworden. Alles und jedes muss betonen, dass es in irgendeiner Weise nachhaltig ist. Das Geschäftsgebaren einer Investmentbank genauso wie der Gemüseanbau eines Biobetriebs. Sogar die schwarz-gelb geführte Bundesregierung machte eine Kehrtwende um 180° und setzt nun auf nachhaltige, erneuerbare Energiegewinnung. Auch die katholische Soziallehre erklärte die Nachhaltigkeit  seit neuestem zu ihrem vierten Grundbaustein der Gesellschaft neben den bekannt drei anderen: Personalität, Solidarität und Subsidiarität.

Was wenige wissen: das Wort Nachhaltigkeit stammt im Deutschen aus der Feder des sächsischen Berghauptmanns Hans Carl von Carlowitz , den schon im 18. Jh. die Sorge um die für die Gruben und Schmelzwerkstätten notwendige Energiequelle umtrieb. Bei seiner Vorstellung von Nachhaltigkeit ging es darum, dass man nicht mehr Holz verbrennen dürfe, als in den Wäldern nachwachse. Salonfähig wurde Nachhaltigkeit allerdings erst durch den Bericht des Club of Rome und die Brundtland-Kommission der UNO in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Letztere veröffentlichte ihren Abschlussbericht unter dem Titel „Unsere gemeinsame Zukunft“.

Die Genese macht zweierlei deutlich: Nachhaltigkeit ist ein Begriff, der aus der Wirtschaft kommt, schon die Schrift, in dem Carlowitz ihn zum ersten mal verwendet, trägt den Titel „sylvicultura oeconomica“, wirtschaftlicher Waldbau. Sodann ist Nachhaltigkeit zu einem der weltweit gültigen Werte wenn nicht zu dem Leitwert des ökonomischen Weltethos geworden, der die Zukunft der Menschheit in ihrer Umwelt sichern soll, indem wir ressourcen-schonend wirtschaften und global handeln.

Für den Unternehmensethiker heißt das: Wenn schon die vermeintlich meist rational agierende Betriebswirtschaft die Arbeitskraft, das heißt den Menschen als die teuerste Ressource definiert, ist er auch die wertvollste Säule eines Unternehmens. Dann gebührt dem Menschen im Unternehmen auch die größte Aufmerksamkeit. Achtsam muss er geführt werden, um den nachhaltigen, dauerhaften, generationenübergreifenden Erfolg eines Unternehmens zu gewährleisten.

Achtsamer Umgang mit anderen setzt aber achtsamen Umgang mit sich selbst voraus, wie schon der ethische Grundsatz des Neuen Testaments fordert: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Nachhaltigkeit ist eine Funktion auf der Zeitschiene: Es geht im Jetzt, Hier und heute um Zukunftssorge. Zeit, Psychologen sagen sogar pointierter „Eigenzeit“ ist die wichtigste Ressource im Umgang mit sich selbst. Zeit, die nicht fremdbestimmt ist. Sich bewusst zu machen, dass man sich selbst immer wieder Eigenzeit gönnen muss, ist daher ein erster Schritt zum Wert der Nachhaltigkeit. Dann vermag das Wort dem inflationären Gebrauch zu überleben und behält seine Bedeutung und seine Kraft, gemeinsam Zukunft zu gestalten.