Die Kabarettistin Monika Gruber über Direktheit

Monika_Gruber_1Monika Gruber zählt zu den bekanntesten Kabarettistinnen in Deutschland. Auf der Bühne spielt sie eine direkte Rolle. Grund genug für ein Interview über Direktheit im Umgang zwischen Menschen.

Frau Gruber, Sie gelten als Kabarettistin als „direkt“ – ist das nur Ihre Nummer, oder sind Sie als Person auch so?

Wenn ich privat genauso direkt und gschert wäre wie auf der Bühne, wäre ich wohl ein sehr einsamer Mensch. Ausserdem bin ich von Sternzeichen (ein typischer) Krebs, d.h. ich bin sehr harmoniebedürftig und daher her eher zurückhaltend, ich gehe nicht gern in die Offensive und versuche vieles, diplomatisch zu formulieren. Allerdings stelle ich mit zunehmendem Alter fest, dass ich mir – im Gegensatz zu früher – nicht mehr alles gefallen lasse und auch mal Tacheles rede, vor allem dann, wenn ich das Gefühl habe, beruflich läuft irgendetwas um mich herum unprofessionell und schlampig ab.

Erleichtert oder erschwert Direktheit die Kommunikation mit anderen?

Ich denke, das kommt in erster Linie darauf an, wie diese Direktheit formuliert wird. Im beruflichen Bereich bin ich ein grosser Fan von ehrlicher, konstruktiver Kritik und Direktheit, denn eine falsche Zurückhaltung oder gar geheuchelte Lobhudelei bringt ja letztendlich niemandem etwas. Wenn diese Kritik klar und sachlich formuliert und nicht beleidigend oder gar abwertend formuliert ist, wird sie das Gegenüber in den meisten Fällen richtig einschätzen und darüber nachdenken können. Im privaten Bereich – sowohl in Freundschaften oder auch in der Beziehung – wird das schwieriger, weil von beiden Seiten Emotionen im Spiel sind, und Direktheit deshalb oft als persönlicher Angriff verstanden wird. Im persönlichen Gespräch lassen sich solche Misverständnisse noch eher vermeiden, aber ich habe festgestellt, dass die Kommunikation per Mail oder – noch schlimmer – per SMS geradezu prädestiniert dafür ist, Direktheit in den falschen Hals zu bekommen, weil Gestik und Mimik fehlen, und das Gegenüber dadurch nicht einschätzen kann, ob eine Bemerkung z.B. ironisch gemeint ist.

Wie ist denn die richtige Reaktion von Menschen, die nicht so direkt auftreten können?

Schwer zu sagen, da ich – wie gesagt – auch jemand bin, dem es privat eher schwer fällt, direkt zu sein. Ich versuche, mit meinen Mitmenschen höflich und respektvoll umzugehen, und versuche zu vermeiden, dass sich Menschen – in welcher Form auch immer – von mir belästigt fühlen. Wenn mich allerdings jemand belästigt, oder wenn ich mitbekomme, dass ein Dritter belästigt oder unhöflich behandelt wird, dann mache ich meinen Mund auf. Und – im Gegensatz zu früher – kann ich heute durchaus sehr direkt werden.

Haben wir ein wenig verlernt, die Dinge auch beim Namen zu nennen?

Ich stelle fest, dass wir seit einiger Zeit in Deutschland eine sehr ausgeprägte Empörungskultur haben, d.h. es gibt so eine Art inoffiziellen Konsens darüber, was vermeintlich politisch korrekt oder inkorrekt ist, was man sagen „darf“ oder eben nicht und worüber man sich lustig machen darf oder eben nicht. Einerseits. Andererseits stelle ich – sowohl in den sozialen Netzwerken aber vor allem auch im persönlichen Miteinander – eine immer grobschlächtigere, unhöflichere und beleidigendere Direktheit fest, die Ihnen jeder, der Einzelhandelsmitarbeiter – egal aus welcher Branche – bestätigen wird. Einfachste Formen des Anstands, die für einen respektvollen Umgang miteinander meiner Meinung nach unerlässlich sind, werden für überflüssig befunden. Diese Art der Verrohung und Respektlosigkeit, die mündige, teilweise intelligente Erwachsene heute an den Tag legen, besorgt mich zutiefst, weil sie ein denkbar schlechtes Beispiel für die Jugend ist.

Gilt das auch für das berufliche Umfeld, Kommunikation in Unternehmen?

Wenn ich an meine frühere Tätigkeit als Sekretärin der Geschäftsleitung eines grossen amerikanischen Unternehmens zurückdenke und mir die Schilderung von Bekannten, die heutzutage einer Bürotätigkeit (egal welcher Couleur) nachgehen, anhöre, dann muss ich zusammenfassend sagen, dass es – vor allem Grossbetrieben – zu viele Meetings gibt, in denen zwar viel gesprochen aber nicht miteinander geredet wird. Stattdessen versteckt man sich hinter von überbezahlten Unternehmensberatern erfundenen Anglo-Floskeln und aufwendigen Präsentationen und lässt Führungskräfte mit schweren zwischenmenschlichen Defiziten auf Mitarbeiter los, die weder loben, kritisieren noch fördern können, sondern einzig und allein einen Punkt auf der Agenda haben: Wachstum! Hier gäbe viel zu tun, nicht nur in Firmen, sondern bereits vorher an Schulen und Universitäten, denn leider liefern die Familien oftmals nicht mehr wie früher das nötige Rüstzeug für Leben, da sich Erziehung nennt.

Interview: Gerd Henghuber