Das rechte Maß bei Managergehältern

Immer wieder erregen die Jahresgehälter und hier vor allem die jährlichen Bonuszahlungen an Spitzenmanager deutscher Konzerne die mediale Aufmerksamkeit. Erst jüngst die 17 Millionen Euro für den VW-Vorstand Winterkorn. Man kann dies sicher auf den unterstellten Sozialneid der überwiegenden Normalverdiener in der Bundesrepublik schieben. Aber auch auf die Vorbildfunktion der Manager, die ihnen im Zuge der Ökonomisierung aller gesellschaftlichen Lebensbereiche zugewachsen ist. Das Subsystem Wirtschaft hat von anderen sinnstiftenden Institutionen wie etwa Kirchen, Parteien, Vereinen weitgehend die Leitfunktion übernommen. Damit stehen auch ihre Protagonisten wie nie zuvor im Fokus des öffentlichen Interesses. Von ihnen wird exemplarisches Verhalten erwartet, nicht nur für das eigene Unternehmen, sondern auch für die Gesamtgesellschaft. Dies ist eine neue Erfahrung für die Manager. Bisher haben sie sich vor allem nach oben ausgerichtet, haben sich untereinander bewegt und verglichen. Jetzt müssen sie sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, die Bodenhaftung verloren zu haben – mehr Demut wird von ihnen eingefordert. Sie sollen sich an der Basis orientieren, den Kontakt mit dem Kunden und den Mitarbeitern nicht aus den Augen verlieren, die Ressourcen für den eigenen Erfolg damit berücksichtigen. Nicht mehr die Spitzengehälter der eigenen ökonomischen Klasse können daher zum Vergleich herangezogen werden, die Bewertung durch die Gesellschaft erfolgt auf der Basis des eigenen, wesentlich geringeren Einkommens. Die Boni erscheinen dann natürlich als maßlos überzogen, als unmäßig.
Immer wenn es in einem System zu Dissens über das rechte Maß kommt, ist die höhergestellte Autorität gefordert, mit dem nötigen Fingerspitzengefühl einen Maßstab anzugeben. Dies wusste schon Benedikt von Nursia in seiner Mönchsregel aus dem 6. Jahrhundert, als er festlegte: Weil es schwache Menschen gibt, die nicht fähig sind, das Maß zu finden, einzuhalten und gegebenenfalls anzupassen, „bestimmen wir nur mit einigen Bedenken das Maß für andere…“ Auf diese weise Regelung nimmt wohl der Vorschlag einiger Politiker Bezug, die meinten, für einen Manager könnte etwa der 30fache Betrag des Gehalts eines Facharbeiters des jeweiligen Unternehmens eine angemessene Bezugsgröße sein. Sicher lässt sich das Verhältnis der Verantwortung auf den verschiedenen Hierarchieebenen eines Unternehmens nur schwer messen. Aber das Risiko des „stilvollen Verarmens“ ist bei den gegenwärtigen Managerverträgen doch wesentlich geringer als bei den niedrigeren Einkommensverhältnissen. Auch um des sozialen Friedens willen sollten sich unsere Führungskräfte gerade der obersten Ebene ihrer neu zugewachsenen Vorbildfunktion mehr und mehr bewusst werden.