Anselm Bilgri Kolumnist im GONG

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Wenn man einen Hund, wie ich meine Miss Sophie erziehen will, hat man nur Erfolg, wenn ein grundsätzliches Vertrauensverhältnis zwischen dem Herrn und seinem Hund aufgebaut wird. Hunde denken assoziativ, d.h. sie sind rein erfolgsorientiert. Es interessiert sie nur eine Frage: Wie erlange ich Zuwendung von meinem Herrn? Voraussetzung dafür ist: Er muss vertrauen können, dass sein Herr für ihn sorgt, ihm Futter, Schutz und Geborgenheit gibt. Wir Menschen denken komplizierter, wir fragen nach dem Grund einer Handlung. Das hat dann zur Folge, dass wir unsere Gefühle mit diesem Grund verbinden, damit bei Misserfolg gerne Schuld zuweisen und nachtragend reagieren. Dies erschwert es, Vertrauen aufzubauen. Aber ein Zusammenleben in einer Gruppe, sei es die Familie, die Nachbarschaft, die Kollegenschaft am Arbeitsplatz – oder wie bei manchen Tieren, z.B. den Wölfen und deren Verwandten, den Hunden, das eigene Rudel, zu dem man gehört, gelingt ohne einen gewissen Vertrauensvorschuss nicht. Ich muss zuerst Vertrauen schenken, dann werde ich erfahren, ob es mir auch gewährt wird. Es kann auch verweigert, oder gar missbraucht werden – eigenartigerweise vor allem bei uns Menschen, die wir mit Verstand und Vernunft ausgestattet sind. Kaum bei den Tieren, von denen wir sagen, dass sie nur ihrem Instinkt folgen. Vertrauen schenken ist für uns Menschen also immer mit einem gewissen Risiko verbunden. Wenn der Einsatz verloren geht, erleben wir eine Enttäuschung. Wenn sich der Vertrauensvorschuss gelohnt hat, stärkt er wiederum mein eigenes Vertrauen. Nicht nur private, auch geschäftliche Beziehungen leben ganz stark vom Vertrauensverhältnis zwischen den Partnern. Der Beginn der Finanzkrise 2008 hat gezeigt, wie wichtig Vertrauen im Wirtschaftssystem ist. Kann ich meinem Bankberater vertrauen? Oder im größeren Maßstab: Können wir den südeuropäischen Mitgliedsstaaten der Eurozone vertrauen? Der berühmte Gesellschaftsforscher Luhmann hat formuliert: Vertrauen reduziert Komplexität. In der Politik erleben wir tagtäglich das Gegenteil: die Systeme werden immer komplizierter, weil wir ungeheuer viele Kontrollmechanismen zu brauchen scheinen. Sind sie nicht eher Ausdruck mangelnden Vertrauens? Allerdings darf ich das nicht nur von anderen erwarten, ich muss auch selber dazu bereit sein: dann gelingt Zusammenleben – nicht nur mit meinem Haustier, sondern auch mit meinen Mitmenschen.

Mehr zum Thema Vertrauen auch in meinem jüngsten Essay für die VDI-Nachrichten – haben wir das Vertrauen in unsere Ingenieure verloren?
http://www.vdi-nachrichten.com/Technik-Gesellschaft/Vertrauenskrisen-gefaehrden