Kolumne // Die neue Duz-Kultur

Zuletzt hat der Chef des Otto-Versands Hans-Otto Schrader seinen 53.000 Mitarbeitern das Du angeboten. Damit setzt sich eine Entwicklung hin zu einer allgemeinen Formlosigkeit fort, die nicht nur Nähe bringt sondern oft auch Unklarheit. Anselm Bilgri über Formen im geschäftlichem Umgang.Oft werde ich gefragt, warum ich eigentlich vor 40 Jahren Benediktiner geworden bin. Die spontane Antwort – neben einer eher religiös verbrämten – ist dann meistens: wegen der klösterlichen Form, die bei den Benediktinern nach wie vor gewahrt wird.

„Ich bin Mönch geworden wegen der klösterlichen Form, die bei den Benediktinern nach wie vor gewahrt wird.“

Man trägt zumindest in den Klöstern unserer Breiten innerhalb des Hauses den Habit, der mehr ist als eine Dienstkleidung. Wie der Name schon sagt, ist er eher das äußere Zeichen für einen habitus, eine innere Haltung. Bei den Gebeten, den Mahlzeiten, wenn man sich auf den Fluren begegnet, wird eine über Jahrhunderte gewachsene Form des Miteinanders gepflegt. Diese ist geprägt von „modestia et gravitas“, Bescheidenheit und Würde. Zu meinen Ausbildungszeiten wurde noch berichtet, dass selbst Brüder, die im gleichen Kloster eingetreten waren, sich „siezen“ mussten, wegen der Äquidistanz aller Mönche untereinander. Alle sollten die gleiche Nähe und Distanz zueinander haben, damit keine Klüngel entstehen konnten. Sogenannte Paritkularfreundschaften waren strengstens untersagt. Mein Abt hatte mir erst das Du angeboten, als ein jüngerer Bruder, der ihn zuvor schon geduzt hatte, ins Kloster eingetreten war. Das war dann die neue Form der gleichen Nähe zu allen.

„Selbst Brüder, die im gleichen Kloster eingetreten waren, mußten sich „siezen“, wegen der Äquidistanz aller Mönche untereinander.“

Im Kloster war ich dann für ein paar Jahre zum Jugendseelsorger bestellt worden. In den Achtzigern war es inzwischen selbstverständlich geworden, dass der Kaplan zumindest mit den Älteren der kirchlichen Jugendarbeit per Du war. Ich weiß noch heute, wie sehr das älteren Mönchen und Gläubigen sauer aufgestoßen ist, wenn die Ministranten in der Sakristei mich geduzt haben.

„Duzen ist nur auf den ersten Blick ein formloser Umgang.“

Mir erscheint es interessant, dass eine ähnliche Diskussion zurzeit in den Unternehmen losgetreten wird. Aus den englischsprachigen und den skandinavischen Ländern kommt diese Duz-Kultur nun auch in unsere Unternehmen. In beiden Sprachkreisen gibt es das förmliche Sie im Alltag nicht mehr, bzw. wird das Du durch ein allgemeines Sie ersetzt. Bei den Skandinaviern wird nur noch der König gesiezt. Dabei scheint mir das Duzen nur der am augenfälligste Zug eines neuen – nur auf den ersten Blick – formlosen Umgangs zu sein. In Großbritannien gibt es sehr subtile Formen mit denen Nähe oder Distanz ausgedrückt werden, die uns Kontinentaleuropäern oft verborgen bleiben. In den USA mag das Du selbstverständlich sein, aber die Form, gerade was die Kleidung anbetrifft, wird strenger gewahrt als es heute bei uns der Fall ist. 

„Hinter einem förmlichen Sie kann man sich auf eine höfliche Distanz zurückziehen.“

Es ist wohl ein Indiz dafür, dass ein allgemeiner Rückgang der Förmlichkeit im Umgang miteinander zu beobachten ist. Jüngere Leute reden sich heute gleich beim ersten begrüßen mit Du an. Die Krawatte als notwendiger Bestandteil des business dress codes wird nicht mehr überall, wo Kundenkontakt angesagt ist, eingefordert. Der offene Hemdkragen nimmt zu. In kreativen Berufen und den dementsprechend gestalteten Arbeitsräumen scheint die Formlosigkeit gerade zur neuen Form geworden zu sein. Der Umgang miteinander ist locker, ebenso wie die Möblierung des Arbeitsplatzes. Bei einer altermäßig homogenen Belegschaft ist dies sicher weniger ein Problem als in einem Unternehmen wo ältere und jüngere Kollegen aufeinandertreffen. Ein älterer tut sich oft schwer mit dem allgemeinen Du.  Er bevorzugt das förmliche Sie, hinter das man sich auf eine höfliche Distanz zurückziehen kann.

„Formen ermöglichen einen standardisierten Umgang mit Menschen, die nicht zum engsten Freundes- und Bekanntenkreis gehören. Sie haben eine Entlastungsfunktion und sind eine große Kulturleistung.“

Hier wird deutlich, warum Formen des Umgangs entstanden sind: Sie ermöglichen einen standardisierten Umgang mit Menschen, die nicht zum engsten Freundes- und Bekanntenkreis gehören. Das werden in größeren Unternehmen die meisten Kolleginnen und Kollegen sein.  Die Verhaltensforscher sagen uns, dass es eine der grölten Kulturleistungen des Menschen darstellt, mit vielen Fremden auf engstem Raum zusammenkommen zu können. In der Entwicklungsgeschichte der Menschheit waren wir die meiste Zeit nur mit Mitgliedern der eigenen Sippe oder Stammes in engerem Kontakt. Alle Fremden waren zunächst Eindringlinge und potentielle Feinde.  Trotzdem kann sich der moderne Mensch auf den belebten Plätzen unserer Großstädte relativ gelöst bewegen. Ermöglicht wurde dies nicht zuletzt durch die Förmlichkeit, die zugleich Nähe und Distanz zulassen. Höflichkeit und formaler Umgang sind daher eigentlich entlastend, sie stellen eine Plattform dar, auf der man sich „menschlich“ begegnen kann. Diese Entlastungsfunktion sollten auch die Unternehmen nicht leichtfertig aufgeben. Gewisse formen gehören zur Kultur und damit auch zu einer guten Unternehmenskultur.